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  • SLHS featured in the "Schweizerische Ärztezeitung"

Lösungsorientierter Dialog

Das Projekt «Swiss Learning Health System» will den Dialog in der Versorgungsforschung zwischen den Akteuren des Schweizer Gesundheitssystems katalysieren. Projektkoordinator und Gesundheitsökonom Prof. Stefan Boes gibt im Interview Auskunft.

Herr Boes, Sie sind Professor für Gesundheitsökonomie am Seminar für Gesundheitswissenschaft und Gesundheitspolitik der Universität Luzern. Was hat den Anstoss gegeben für das Projekt ‚Swiss Learning Health System’ (SLHS)?
Prof. Stefan Boes: Die Schweizerische Akademie für Medizinische Wissenschaften sieht neben der biomedizinischen und der klinischen Forschung die Versorgungsforschung als dritten Ansatz der Gesundheitswissenschaften. Die Versorgungsforschung hat in der Schweiz erst in den vergangenen Jahren an Fahrt aufgenommen, unter anderem durch das Förderprogramm der Bangerter-Ryhner-Stiftung und das Nationale Forschungsprogramm 74. Was bisher fehlt, ist eine nationale Infrastruktur für Gesundheitssystem- und Versorgungsforschung, mit welcher die Forschungsaktivitäten in der Schweiz noch besser vernetzt als auch ein Brückenmechanismus zwischen Forschung, Politik und Praxis geschaffen werden können. Hier setzt das Swiss Learning Health System an.

Was verstehen Sie unter einem ‚lernenden‘ Gesundheitssystem?  
Anlehnend an das Konzept des 'Learning Health System' des Institute of Medicine der American Academies ist ein lernendes Gesundheitssystem in der Lage, durch einen dynamischen Prozess Probleme und Herausforderungen frühzeitig zu erkennen, zu verstehen, evidenz-basierte Lösungsvorschläge zu erarbeiten und geeignete Umsetzungsstrategien zu entwickeln. Hierzu stellt das SLHS verschiedene Mechanismen bereit, welche diesen Prozess unterstützen. Damit dies funktioniert, braucht es einen konstanten Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis, nicht nur im Sinne des Wissenstransfers und der Dissemination von Forschungsergebnissen, sondern vor allem auch basierend auf der Bereitschaft zu einem lösungsorientierten Dialog aller Interessensgruppen. Im Dialog werden gemeinsam Lösungen erarbeitet und ein konkreter Umsetzungsprozess definiert. Das kann auch bedeuten, dass noch weitere Evidenz erarbeitet werden muss.

Die Gesundheitspolitik hat seit jeher die Aufgabe, im Dialog zwischen den Interessen von Patienten, Ärzten, Krankenkassen, Medikamentenherstellern und weiteren Akteuren des Gesundheitssystems zu vermitteln. Welcher Mehrwert bringt Ihre Initiative?  
Das ist natürlich richtig, und wir sehen diesen Dialog auch als zentrale Aufgabe der Gesundheitspolitik. Verschiedene Studien zeigen jedoch, dass die heute bestehenden Formen des Dialogs keine oder nur sehr unstrukturiert Evidenz aus der Forschung in den Diskurs miteinbeziehen, oder aber durchaus interessante Lösungvorschläge noch zu wenig erforscht sind. Hier geht es vor allem um die Effektivität und (Kosten-) Effizienz verschiedener Massnahmen. Die Mechanismen des SLHS sollen dazu beitragen, den Dialog zwischen Forschung, Politik und Praxis zu stärken. So sollen Reformpläne auf nationaler und lokaler Ebene eine noch breitere Abstützung finden, um letztlich die hohe Qualität, aber auch die Wirtschaftlichkeit des Schweizer Gesundheitssystem in Zukunft zu sichern.

Die Universität Luzern hat keine medizinische Fakultät. Was prädestiniert Sie dazu, dieses Projekt als führender Partner voranzutreiben?   
Die Komplexität des Gesundheitssystems erfordert neue, interdisziplinäre Ansätze, um aktuellen und zukünftigen Fragen mit innovativen Lösungsvorschlägen zu begegnen. Das SLHS ist daher auch ein gemeinsames Projekt verschiedener Universitäten und Fachhochschulen. Die Projektpartner sind in allen SLHS-Mechanismen eingebunden, über die Anregung von Themen, Forschung und Entwicklung von Policy Briefs als Input für die Dialoge, bis hin zur Begleitung in der Implementierungsphase. Für die Universität Luzern hat sich das Thema Gesundheit unter anderem mit der Einrichtung des Seminars für Gesundheitswissenschaften und Gesundheitspolitik 2009 zu einem strategischen Themenfeld entwickelt. Verschiedene für die Gesundheitssystem- und Versorgungsforschung wichtige Gebiete werden an der Universität bearbeitet, z.B. Gesundheitsökonomie, Gesundheitsrecht, Gesundheitspolitik, Gesundheitskommunikation, Fragen der Ethik und der Implementierungsforschung. Neben der engen Zusammenarbeit aller Fakultäten im Bereich Gesundheit können wir dabei am Standort Luzern auch von einem engen Partnernetzwerk unter anderem mit der Schweizer Paraplegiker Gruppe in Nottwil, dem Luzerner Kantonsspital und dem Institut für Hausarztmedizin und Community Care profitieren.

Wie ist die pharmazeutische Industrie in Ihr Projekt eingebunden?
Im Rahmen des Aufbaus des Stakeholder-Netzwerks ist auch die pharmazeutische Industrie ein wichtiger Partner des SLHS. Erste informelle Gespräche haben gezeigt, dass seitens der Pharmabranche eine grosses Interesse an der Nutzung der SLHS-Mechanismen besteht. Fragen der Regulierung, die Rolle von Health Technology Assessments oder die derzeitigen Preissetzungsmechanismen sind nur drei Beispiele, wo es einen Bedarf an strukturierten Dialogen verschiedener Interessensgruppen gibt. Hier werden wir mit dem Projektstart im Januar 2017 einen noch intensiveren Austausch suchen, um die aktuellen Fragen der Pharmaindustrie in den SLHS-Zyklus zu integrieren.

Wie wird die medizinische Forschung vom SLHS profitieren?
Die Schweiz ist national als auch international in der biomedizinischen und klinischen Forschung sehr gut aufgestellt. Wie in den USA und anderen Ländern soll nun auch in der Schweiz die Gesundheitssystem- und Versorgungsforschung als dritte Säule der medizinischen Forschung etabliert werden. Das SLHS nimmt vor diesem Hintergrund eine Schnittstellenfunktion wahr, indem die verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen zusammengebracht und in einen lösungsorientierten Dialog involviert werden.